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Gerichtsgebäude, Brauerei und jetzt Diakoniestation

von Jörg Ruthrof

1736Die Diakonie im Wendelsteiner Altort hat vor kurzem das 25jährige Bestehen gefeiert und ist zurecht stolz auf ihre vielfältigen Dienstleistungen und vor allem ihr bauliches Schmuckstück, das historische Diakoniegebäude. Der weiße, schlossartige Bau im Hof des evangelischen Pfarramtes selbst kann jedoch ebenso ein besonderes Jubiläum feiern, denn vor 275 Jahren wurde der Bau errichtet vom Nürnberger Heilig-Geist-Spital. Damals aber diente das Gebäude nicht für soziale Zwecke, sondern war als Gerichtsgebäude der Reichsstadt Nürnberg eher ein Machtsymbol der Noris vor Ort in Wendelstein.  

Nur wer genau hinsieht, wird an der Giebelseite der Diakonie zum Pfarramt hin in luftiger Höhe das Nürnberger Reichsstadtwappen entdecken mit dem Spruch „Soli deo gloria“ und dem Baudatum „1736“. 275 Jahre alt is damit heuer der Bau der „Diakonie“ und genauso spannnend wie die Baugeschichte ist dessen vielfältige Nutzung in diesen 275 Jahren seit dem Bau: Als Bauherr fungierte damals das „Heilig-Geist-Spital“ in Nürnberg, das in Wendelstein bis 1806, als auch das Landgebiet der freien Reichsstadt Nürnberg bayerisch wurde, als Grundherr etliche Gebäude im Altort zum Lehen hatte - genauso übrigens wie einige Nürnberger Patrizierfamilien.
Der Neubau von 1736 hat zudem eine interessante „Vorgeschichte“, die bis in die Ortsgründungsphase Wendelsteins zurückreicht. Das Areal des heutigen Diakoniehofs gehörte im Mittelalter zum örtlichen „Königshof“, der im Auftrag der königlichen Güterverwaltung von Ministerialen bzw. einer örtlichen Adelsfamilie verwaltet wurde. Für Wendelstein ist hier im 14. Jahrhundert ein „Konrad von Wendelstein“, auch als Konrad Amman/Ammon („Amtmann“) erwähnt, als Verwalter tätig und übte für das deutsche Kaiserhaus damals das Amt des „Türkämmerers“ aus. Ein Nachkomme von ihm, Niklas Amman von Wendelstein, diente sogar bei König Wenzel als Küchenmeister.

Ein „Amtsschloß“ für das Reichsamt Wendelstein
Nach der Ministerialenfamilie Amman von Wendelstein, die zudem um 1400 zusätzlich den Sprung in das Nürnberger Stadtpatriziat geschafft hatte, wird die Patrizierfamilie Groß aus der Noris mit dem „Reichsamt“ Wendelstein betraut und von der Nürnberger Kaufmannsfamilie Ortolf als nachfolgenden Gutsverwaltern erwirbt das Heilig-Geist-Spital Nürnberg im 15. Jahrhundert das hiesige Königsgut. Sowohl die Gebäude des 15. Jahrhunderts wie auch ein später erwähnter Bau, der aufgrund der Zerstörungen im 1.Markgrafenkrieg 1449 danach errichtet wurde, sind nicht mehr erhalten. Letzteres Gebäude musste nämlich 1736 dem heute erhaltenen Bau weichen.
Wohl wegen der Baufälligkeit des alten Gebäudes beantragte 1736 die Spitalführung in Nürnberg beim Rat der Reichsstadt, in Wendelstein ein neues „Amtsschloss“ zu bauen und erhielt auch die Zustimmung für den Neubau. Ganz in der herrschaftlichen Tradition der Reichsstadt erhielt das neue Gebäude ein schlossähnliches Aussehen mit seinem dreigeschossigen Baukörper, dem steilen Giebelwalmdach und kleinen Ecktürmchen, die sonst nur beim Bau der Nürnberger Landschlösschen der regierenden Patrizierfamilien zum Bauprogramm gehörten. Eher profan war dagegen die vom Rat genehmigte Nutzung, denn das Gebäude wurde ein Gerichtsgebäude.

Aus dem Gerichtsgebäude wurde ab 1813 ein Brauereigebäude
Nach der Fertigstellung des Neubaus diente das Erdgeschoss als Wohnung für den aus Nürnberg für jeweils drei Jahre nach Wendelstein bestellten reichsstädtischen Richter, der hier auch seine Amtsstube hatte. Im ersten Stock hatte der jeweilige nürnbergische Pfleger bzw. Verwalter seine Wohnräume mit repräsentativem Festsaal und im 2. Obergeschoss befand sich der Gerichtssaal. Genau 70 Jahre nach der Fertigstellung des Gebäudes, 1806, endete die Ära als Gerichtsgebäude und auch die Unabhängigkeit der Reichsstadt Nürnberg mit der „Einverleibung“ der Stadt und ihres Landgebiets in das neugegründete Königreich Bayern.
Für 3000 Gulden ersteigerte 1809 der Wendelsteiner Steinbrechermeister Georg Andreas Ammon den Gebäudekomplex. In einem Schreiben vom Dezember 1812 an das zuständige Bezirksamt in Schwabach erbittet er dann die Konzession zur Errichtung einer Brauerei in seinem neuerworbenen Gebäudekomplex. Im November 1813 erhielt Georg Andreas Ammon diese Konzession durch das „Königlich bairische Generalcommisariat des Kreises Ansbach“ und begann sicher noch selbst mit dem Aufbau einer Brauerei, er stirbt aber 1817. Seine Witwe, Elisabeth Ammon, und sein Sohn Georg Andreas Ammon jun. erhalten daraufhin die Braukonzession und errichten zusätzlich ein Sud- und Brauhaus, in dem 1818 das erste Mal „Wendelsteiner Bier“ gebraut wurde. 

Die Wendelsteiner Brauerei und ihre Besitzer
Schon 1822 beginnen Elisabeth Ammon und ihr Sohn damit, den Brauereibesitz zu vergrößern: Im Schwarzachtal unweit des Altorts wird ein „Sommerkeller“ gebaut mit Kelleranlagen im anstehenden Sandsteinfelsen. Das Areal dieses alten Sommerkellers wurde ab den 1970er Jahren zugleich das neue Hauptbetriebsgelände, als die Brauerei ihren Stammsitz im Altort aufgab. Zehn Jahre später erwarb der Bierbrauer Johann Jobst Weiß die junge Brauerei und vererbte sie 1861 seinem Sohn Johann Friedrich Weiß. Sowohl diese Familie wie auch der nächste Besitzer, Braumeister Johann Friedrich Lang, legten dabei keinen Wert auf eine Umbenennung der Brauerei.
1878 wurde Johann Friedrich Lang, ein Braumeister aus Treuchtlingen, der neue Brauhausbesitzer und übergab 30 Jahre später den Betrieb in die Hände der nächsten Generation. Anläßlich der Hochzeit seiner Tochter Anna mit dem oberfränkischen Braumeister Wilhelm Maisel 1908 wurden sein Schwiegersohn Wilhelm Maisel und sein Sohn Heinrich Lang gemeinsam die neuen Inhaber der Brauerei. Aus der „namenlosen“ Wendelsteiner Brauerei wurde das „Brauhaus Wendelstein Lang & Maisel“, mit Wilhelm Maisel als aktivem technischen Leiter und Heinrich Lang als „stillem Teilhaber“ im Hintergrund.    

Nach dem Umzug der Brauerei ins Schwarzachtal wird die Pfarrei neuer Besitzer
Das komplizierte Erbverfahren der Familien Maisel und Lang bringt es mit sich, dass die Brauerei 1964 verkauft werden muss. Die neuen Besitzer werden die Geschwister Maria und Wilhelm Forstner aus Kirchdorf in der Hallertau, wo deren Familie im Hopfenhandel tätig ist. Die neuen Besitzer leiten von da an von der Hallertau aus ihren Besitz in Wendelstein und setzen für die Geschäftsleitung vor Ort einen Prokuristen und einen technischen Betriebsleiter ein. Schon ab 1965 beginnt Wilhelm Forstner zudem, das Areal des alten Sommerkellers zu modernisieren und gezielt als neuen Standort der Brauerei auszubauen.
1970 wird nach mehreren Neubauten für die neue Gesamtanlage das Sudhaus als Hauptgebäude am neuen Standort eingeweiht, womit alle technischen Brauereivorgänge bis hin zur Lagerung und Abfüllung im neuerbauten Brauereikomplex stattfinden können. Als 1973 zudem ein neues Bürogebäude fertig wird, kann auch die bis dahin noch im Altort verbliebene Verwaltung aus dem alten Brauereihof ausziehen und die evangelische Kirchengemeinde wird der neue Besitzer des geschichtsträchtigen Areals. Alle aus der Zeit vor 1800 stammenden Gebäude der Hofanlage wurden wieder hergerichtet und ins herrschaftliche „Amtsschloss“ zieht in den 1980er Jahren schließlich eine Kurzzeit-Pflegestation der Diakonie ein.
Die Brauerei übrigens wird nach dem Tod von Wilhelm Forstner an die Patrizierbräu Nürnberg verkauft und 1990/91 endgültig geschlossen. Die Gebäude im Diakoniehof werden heute wieder vielfältig genutzt: In der früheren Fasspicherei und dem Fasslager sind heute das Pfarramt und der „Martin-Luther-Saal“ eingerichtet und in einem anderen Gebäude des Hofes sind die Verwaltung der Diakonie sowie Räume für Kurse und andere Aktivitäten untergebracht. Das vor 275 Jahren bewusst mit einer Mauer vor der Öffentlichkeit verborgene ehemalige nürnbergische Machtzentrum wurde so zu einer heute für alle offenen, öffentlichen sozialen Institution.        

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